Die Bauhütte im Mittelalter zurück zur Übersicht
 
 
Steinmetzzeichen
Sie sind meistens klein und unscheinbar. Die historische Quellenlage ist dünn. Steinmetzzeichen markieren Werksteine an Profan- und vor allem Kirchenbauten. Jedem Steinmetz wurde nach seiner Ausbildung ein Zeichen auf Lebenszeit verliehen. Steinmetzzeichen lassen Rückschlüsse auf die Baugeschichte zu, stellen für die moderne Archäologie wichtige Indizien dar und helfen bei der der Abgrenzung von Bauabschnitten. Mit dem Beginn der Neuzeit verlieren die Zeichen ihre ursprüngliche Funktion, sie werden zum reinen Meisterzeichen.

Baugeschichte
Die romanische Welle schafft hauptsächlich wehrhafte Klosteranlagen und Wehrkirchen, erbaut von Klosterbauleuten und Laien. Diese Kirchen wurden von Kirchenangehörigen, zumeist Mönchen errichtet. Sie arbeiteten zur Ehre Gottes. Steinmetzzeichen hatten sie kaum.

Die oft benannten Bauhütten verdanken ihre Existenz einer anderen Bauepoche, der Gotik.
Innerhalb kürzester Zeit eroberte der neue Stil im Gepäck der Handwerkskolonnen Europa.
Diese hüteten ihre durch Erfahrungen erworbenen Kenntnisse mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Machte es sie doch unentbehrlich, im besten Sinne elitär!
Es gab keine statischen Berechnungen. Statik beruhte ausschließlich auf Erfahrungen, deren Ergebnisse ständig in Weiterentwicklung einflossen. Lag die Tiefe der Grundmauern der romanischen Stiftkirche Gernrode noch bei ca. 0,50 m, wurde der Kölner Dom fast 20 m tief gegründet.

Um den geänderten Anforderungen gerecht zu werden, musste die Organisationsstruktur auf den Baustellen grundlegend geändert werden. Hat man auf der Abbildung der romanischen Baustelle noch das Gefühl, dass hier jeder alles konnte, waren die Aufgaben in der Gotik klar zugeteilt. Der Handwerker der Romanik arbeitete im Tagelohn. Die Nachteile liegen auf der Hand. Mühsam musste aus dem Haufen der herbei gekarrten Steine der passende herausgesucht und eingepasst werden.

Ab Mitte des 13. Jahrhunderts setzte sich immer mehr die Gewerketrennung durch. Während die eine Gruppe der Handwerker den Stein bearbeitete, wurde er von anderen verarbeitet. Diese effektivere Arbeitsweise führte über die Spezialisierung zu einer deutlichen Erhöhung der Effektivität. Aus dem Wechsel von der Natural- zur Geldwirtschaft und vom Tage- zum Akkordlohn resultierte eine neue Art der Lohnberechnung. Die Arbeit im Akkordsystem wurde nun im Stücklohn abgerechnet, dafür schlug der Steinmetz sein Zeichen ein.

Als sich einige Generationen nach der Pestepedemie, um 1450 die nächste Bauwelle erhob, setzte sich gleichzeitig die schon in der Hochgotik begonnene Standardisierung fort. Genormte, große Steine beschleunigten den Baufortschritt. Schon vor Baubeginn konnten die benötigten Dienste, Konsolen, Rippen und das Maßwerk der Fenster in Auftrag gegeben werden. Die Elite der Bauhütten kämpfte nun um ihr Überleben. Die Kirche trat als Auftraggeber immer weiter in den Hintergrund. Die neuen Gotteshäuser wurden überwiegend von bürgerlichen Auftraggebern bezahlt, die selbst entscheiden wollten, wer ihre Kirchen baut.

Am 19. August 1418 schrieben die Bürger in Florenz einen Wettbewerb für den Bau der Domkuppel aus, den nach vielen Widerständen ein Handwerker gewann, der mit den Bauhütten nichts gemeinsam hatte. Brunelleschi war Goldschmied.
Der Bau der 107 Meter hohen Kuppel mit einem Durchmesser von 45 Metern dauerte 14 Jahre (1420-1434). Obwohl die Domkuppel noch der Gotik zugerechnet werden muss, setzte hier eine Entwicklung ein, die das Ende der mittelalterlichen Bauhütte herbeiführte. Nicht mehr Praktiker, sondern Theoretiker leiteten zukünftig Großbaustellen.

Das Steinmetzzeichen
Spätestens im 14. und 15. Jh. entwickelten sich Steinmetzzeichen zu persönlichen Gesellen- und Meisterzeichen, die lebenslang beibehalten wurden. Die Serienfertigung von leicht zu typisierenden Bauteilen wie Säulenelementen und Fensterrosetten durch selbstständige Steinmetze setzt ein. Bauhütten vor Ort konnten über das ganze Jahr wetterunabhängig einfache und profilierte Werksteine vorbereiten, die in der offenen Jahreszeit verarbeitet wurden. Zur Abrechnung wurden die Steine markiert. Die Arbeit wurde regelmäßig kontrolliert, markiert und bezahlt.

Ein schönes Beispiel findet sich in der Marienkirche in Osnabrück. An einem Stein befinden sich mehrere Steinmetzzeichen, die an anderen Steinen nur einmal auftreten. Es ist zu vermuten, dass es sich hier um eine größere Abrechnung handelt, wobei der rechte Steinmetz offenbar für drei Arbeiten bezahlt werden musste.

Persönliche Steinmetzzeichen werden oft mit Versatzzeichen oder Höhenschichtenzeichen verwechselt, die jedoch rein bautechnische Aufgaben erfüllen. Meist wurden sie aus Buchstaben und einfachen geometrischen Formen wie Kreuzen gebildet. Zusätzlich für Verwirrung sorgen noch die seltenen Versatzzeichen, welche die zukünftige Position des Steines am Bau bestimmten. Einige lassen sich nur schwer als solche erkennen. Ein schönes Beispiel sind Markierungen in der Stiftkirche in Enger. Hier wurde an zwei Säulen jeder Stein markiert. Beide Arten gelten nicht als Steinmetzzeichen.

Allgemein werden bei den Steinmetzzeichen, unabhängig von ihrer Abmessung, vier Grundformen unterschieden. Alle Zeichen müssen in die Quadratur, Triangulatur, Dreipass, Vierpass einzupassen sein. Es gibt nur wenige Ausnahmen.

Die meisten Angaben zum Bau der Kirchen sind geschätzt. Dazu kommt, dass aus verschiedenen Gründen Bauunterbrechungen möglich waren und teilweise die Reihenfolge in den Errichtungsphasen des Baukörpers umstritten ist. Steinmetzzeichen sind für Historiker eine wichtige Orientierungshilfe. Sie lassen Rückschlüsse auf die Baugeschichte und die Organisationsabläufe der mittelalterlichen Baustelle zu.
In der hochgotischen Marienkirche Herford gibt es verbaute Reste des romanischen Vorgängers. Ein Bauteil ließ sich nicht eindeutig zuordnen, Jahrzehnte wurde über die Datierung gerätselt. Durch den Vergleich mit anderen, nur wenige Meter entfernten Markierungen war die Zuordnung in die Gotik problemlos möglich. Die Steinmetzzeichen befinden sich in den Rundbögen unter der Orgel und den beiden davor stehenden Säulen, die sicher datiert sind.

Dieses Zeichen befindet sich an mehreren Herforder Kirchenbauten, an der Münsterkirche, der Marienkirche, der Jakobikirche und der Johanniskirche. Die entsprechenden Bauteile wurden alle zwischen 1300-1320 errichtet.
Durch einen großen Bestand archivierter Steinmetzzeichen können mittlerweile weitere offene Datierungen untersucht werden. Ein Beispiel ist die Dorfkirche in Valdorf, deren Baugeschichte vorher kaum bekannt war. Mittlerweile sind hier fünf verschiedene Bauphasen über fast 800 Jahre belegt (siehe Spur der Steine Valdorf).

Es wird unterschieden zwischen den Organisationsstrukturen von Steinmetzen der kirchlichen Bauhütte und dem profanen Steinmetz, der sich in den städtischen Zünften organisierte. Auf diese "bürgerlichen" Handwerker wird an dieser Stelle nicht eingegangen. Sie stellen Mobilien in Sakralgebäuden, wie Taufsteine und Sakramentshäuschen, Bildnisse und Epitaphe her. Außerdem bearbeiteten sie einfache Steine für Stufen, anspruchsvollere für Brunnen und Fassaden. In Städten, in denen mehrere Steinmetzmeister beschäftigt waren, organisierten sich diese in Zünften.

Handwerklich konnten sie ohne weiteres mit den Steinmetzen der Bauhütte mithalten. Typisches Beispiel ist die Verkürzung der Perspektive bei Skulpturen, die über ihrem Betrachter stehen. Erst der Blick von unten ergibt eine Harmonie im Ausdruck, die man auf Augenhöhe echt vermisst.

Wo lagen die Unterschiede zwischen dem Handwerker am Sakral- und dem am Profanbau?
Vor allem im Wissen um die statischen Konstruktionen, die im Laufe der Zeit immer komplizierter wurden. Gotische Ordnungen sagen kaum etwas über Hüttengeheimnisse aus.
Zu Beginn des 15. Jh. begann als Nachwirkung der Pestepedemie die existenzielle Krise der Organisation Bauhütte, die ihren schleichenden Untergang im 17. Jh. beendete.

Sind die Freimaurerlogen die Nachfolger der Bauhütten?
Erste Untersuchungen entstanden aus dem Interesse der Freimaurer an der Legitimation ihrer eigenen Geschichte. Als Beweis wurde auf den Wortzusammenhang "Freimaurer" und die Verknüpfung der Freimaurersymbolik mit dem mittelalterlichen Bauwesen verwiesen.
Wie bereits geschrieben wurde, "die" mittelalterliche Bauhütte gab es nicht.
Die Organisation "Bauhütte" umfasste alle am Bau beteiligten Gewerke, meist unter der Führung und den Regeln der Steinmetze. Dass nicht nur Steinmetze beteiligt sein konnten, erklärt sich aus mehreren Gründen. Am "Geheimwissen" waren zwangsläufig mehrere Berufsgruppen beteiligt. Der Meister der Bauhütte war beispielsweise unbedingt auf das statische Wissen der Zimmerleute angewiesen. Unklar ist auch, ob immer ein gelernter Steinmetz das höchste Amt des Leiters der Bauhütte innehatte.

Beispiel Backsteingotik. Obwohl auf diesen Baustellen weit und breit kein Steinmetz zu sehen war, wurde hier nach den stilistischen und statischen Regeln der Natursteinbauten gearbeitet.

Zwischen den Geheimnissen der Bauhütten und denen der Freimaurerlogen gibt es einen elementaren Unterschied. Bei den Hütten war die Geheimhaltung des praktischen Wissens ausschließlich von wirtschaftlicher Bedeutung. Philosophische Betrachtungen von Problemen gab es kaum, es hieß "Gott will es". Es gibt Gemeinsamkeiten bei der Technik der Geheimhaltung, die Inhalte sind jedoch grundverschieden.
Die Geheimhaltung von Wissen über Jahrhunderte, das Erkennen von Eingeweihten und der Schutz vor Spionage und auch der Wissenstransport innerhalb der Bauhütten hat etwas vollkommen Faszinierendes. Es ist überhaupt nicht verwunderlich, dass dieses Geheimhaltungssystem übernommen wurde und überlebte. Seit mehr als 700 Jahren hat es beeindruckend seinen Zweck erfüllt.
zurück zur Übersicht