St. Andreas, Lübbecke
Bauuntersuchung

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Wohl jeder Besucher, der erstmals die steilen Stufen vom Markt zur St. Andreaskirche hinauf geht, ist von dieser schönen, steinsichtigen Kirche beeindruckt. Selbst den Laien überraschen die vielen Details, deren Bedeutung sich allerdings erst bei näherer Betrachtung erschließt. Umso erstaunlicher ist, dass es bisher keine angemessene Monographie über diese mittelalterliche Hallenkirche gibt.


An der Außenwand befinden sich oberhalb des Nordportals zwei dekorative Werksteinplatten mit lateinischen Inschriften. Der ältere, mittelalterliche Stein, ist fast vollständig hinter einem Epitaph verborgen. Nur wenig entfernt hängt eine barocke Kopie. In beide Steine wurde nahezu der gleiche Text eingeschlagen. Die gotische Ausführung trägt folgende Inschrift:

AHNO DNI○ M.CCC○L○ ĀHO IUBILEO Q○ FLAGELLAT○ IBANT PESTIS FUIT IUDEI OCCIDEBĀT○ AMPLIFICATA EST HEC ECCLESIA
Im Jahre des Herrn 1350, das ein Heiliges Jahr war und in dem die Geißler umherzogen, die Pest herrschte und die Juden umgebracht wurden, ist diese Kirche erweitert worden.

Machen wir uns auf die Suche nach den Spuren, die von den verschiedenen Bauphasen zu finden sind.


Die Quellenlage ist dünn. Bis auf den erwähnten Text  gibt es keine Unterlagen, die über die Baugeschichte Auskunft geben können. So bleibt uns nur das Gebäude als Zeitzeuge selbst.
Die noch in Teilen erhaltene Saalkirche auf kreuzförmigem Grundriss wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts errichtet. Insbesondere bei schönem Wetter fällt die interessante Färbung des verwendeten Steinmaterials auf. Dominiert wird der Haupteindruck von dem regionalen Kimmeridge Sandstein, der nur wenige hundert Meter von der Kirche gebrochen wurde. Noch heute sind unterhalb  des Wurzelbrinks die Brüche dieses feingeschichteten Sandsteines und die dazu gehörenden Kummerhalden gut zu erkennen. Große Quader Portasandstein wurden von den etwa 30 Kilometer entfernt liegenden Brüchen nach Lübbecke transportiert.  Der Stein ist gut durch die auffallende rötlichbraune Adern von den anderen Werksteinen zu unterscheiden.


Spätestens ab Mitte des 13. Jahrhunderts  begann auch im heutigen Westfalen die Zeit der Hallenkirchen. Das Selbstverständnis der sich entwickelnden Bürgergemeinschaften spiegelt sich in repräsentativen Stadtkirchen wieder. Neben einer ganzen Reihe neu entstehender Gebäude wurden viele der dunklen romanischen Saalkirchen und Basiliken umgebaut.
Offenbar gab es an der Lübbecker Saalkirche bereits früher als bisher angenommen einen ersten Erweiterungsbau. Bei genauer Betrachtung der Westseite ergibt sich ein Befund, der bisher nicht zugeordnet wurde. Hier befinden sich drei Bauteile, die stumpf  und nicht im Verband aneinander gesetzt wurden. Das bedeutet, Turm, Mittel- und Eckmauern sind verschiedenen Planungsstufen zuzuordnen. Der sauber abgemauerte Versprung in der Fläche verweist auf eine von hier nach Osten in das heutige Kircheninnere weiterlaufende Wand, die bei der späteren Erweiterung abgebrochen wurde. Misst man diesen Teil in den Grundriss ein, ergibt sich ein erstaunliches Bild. Offenbar wurde an dieser Stelle mit der Erweiterung als Hallenkirche im gebundenen System begonnen.


Die Formen von Zier- und Bauelementen sind Modeschwankungen unterworfen, die recht gut zu datieren sind. Betrachten wir die verschiedenen Bauteile der St. Andreaskirche stilkritisch, ergibt sich eine klare Abtrennung in der Bauabfolge. Ein erstes Indiz ist das Sockelprofil, das den Spritzwasserbereich vom weiteren, aufgehenden Mauerwerk trennt. Die romanischen Außenmauern sind gänzlich ohne Sockel und Profil. In der ersten Umbauphase wurde die Saalkirche um das nördliche Seitenschiff erweitert. In dessen unterem Bereich läuft in ca. 60 cm Höhe das mit Wulst, Platte und Kehle ausgeformte Sockelprofil auch um die drei dazu gehörenden Strebepfeiler herum.


Der spätgotische Anbau auf der Südseite hat ebenfalls ein Sockelprofil, auch wenn es mittlerweile größtenteils unter dem aufgefüllten Bodenniveau verschwunden ist. Dort, wo der Abschluss noch erkennbar ist, zeigt er sich als einfache Phase. Es unterscheidet sich erheblich von den hochgotischen Profilen. Wie hoch der Boden über dem ehemaligen Friedhof aufgefüllt wurde, ist nicht erkennbar. Der Unterschied ist jedoch beachtlich. Mehrere Stufen mussten dem Südeingang im Laufe der Zeit hinzu gefügt werden.


Die Betrachtung der Fenster ist ein Spaziergang durch die Baugeschichte. Romanisch, Hoch- und Spätgotisch, alles vertreten. Bei der ersten Erweiterung, die 1350 abgeschlossen war, wurde das neue Nordschiff mit drei großen Öffnungen versehen, durch die der Kirchenraum viel besser ausgeleuchtet werden konnte. Die dreibahnigen Fenster weisen allesamt Grundmotive der Hochgotik auf. Das Maßwerk der Nordseite weist keine Steinmetzzeichen auf. Möglicherweise waren nur wenige Steinmetze vor Ort, so dass sich die Markierung erübrigte. Zudem erweist sich der viel gröbere Portasandstein als ungeeignet, Zeichen gut sichtbar einzuschlagen. Obwohl der Stein nachweisbar über fast 1000 Jahre verbaut wurde, sind allgemein fast keine eingeschlagenen Steinmetzzeichen bekannt.


Da die Fenster im Südschiff passgenau spätgotisches Maßwerk haben, kann es erst in dieser Zeit errichtet worden sein. Die Fischblase ist das wichtigste Grundelement des spätgotischen Ornament-Maßwerks. Bielefeld, Bünde, Stift Quernheim, Herford, Wallenbrück, Valdorf, St. Annen, Gehlenbeck, Herzebrock, Minden, Möllenbeck usw. - es gibt mehrere Dutzend Kirchen in der Region mit Hunderten von Fenstern, die aus der gleichen Zeit stammen.  Die verschiedenen Elemente wurden nach Vorlage in Werkstätten, die sich in der Nähe der im Osning liegenden Steinbrüche befanden, in Serie hergestellt. Durch diese Art Fließbandarbeit konnte das Maßwerk erheblich schneller und dadurch günstiger hergestellt werden. Bauherren bestellten die Teile oder kauften vor Ort die Fenster ein und ließen sie auf Karren zur Baustelle bringen. Am Bau wurde als erstes die Leibung im Laufe des Baufortschrittes Stück für Stück von Maurern eingesetzt. Alle spätgotischen Fenster an der Andreaskirche sind von Steinmetzen markiert. Schon hier konnte das Südschiff auf um 1500 datiert werden.


Neben dem Sockel und den Fensterformen sind an der Andreaskirche die Gewölbe sicheres Hilfsmittel für die Datierung der verschiedenen Bauphasen. Bei einem Blick unter das Dach zeigen sich drei verschiedene Einwölbungsformen. Neben den deutlich flachen romanischen Wölbungen reicht hier der Bogen über die vierteiligen hochgotischen Kreuzrippengewölbe bis zu den stark überbusten Kappen der Spätgotik.
Die Abbildung zeigt den Blick von Osten über das nördliche Seitenschiff. Die Gewölbe der romanischen Saalkirche im Vordergrund wurden bereits im 12. Jahrhundert eingewölbt und sind deutlich am flachsten. Im Hintergrund ist der der höhere Wölbungsbogen der hochgotischen Gewölbe zu sehen. Durch die neue Technik der eingesetzten Rippen ersetzt die Gotik den Rundbogen und die flachen Gewölbe durch Überhöhungen. Die verwendeten Bruchsteine sind kleiner und sind oft sauberer bearbeitet.


Einen weiteren großen Schritt in Form und Wölbungstechnik gab es zu den Gewölben der Spätgotik. Nachdem die Rippen über Lehrbögen auf gesetzt waren, wurden die Kappen mit Backsteinen gemauert. Dadurch haben sie eine wesentlich geringere Stärke und auch geringeres Gewicht. Die Segmente der Kappen sind stark überbust, was oberhalb des Gewölbes viel deutlicher zu erkennen ist, als im Kirchenraum. Die Unterschiede zwischen den Gewölben des hochgotischen und dem spätgotischen Anbau sind auch für den Laien deutlich sichtbar. 


Im Kircheninneren lassen sind die verschiedenen Gewölbetypen ebenfalls gut unterscheiden.
Folgt man den Gewölbeplan, lassen sich recht einfach die Dimensionen der Saalkirche erkennen, an die auf beiden Seiten je drei Joche zur Hallenkirche angebaut wurden. Rippen und Schlusssteine sind allgemein Stilelemente der Gotik. Zur genaueren Datierung hilft ein Blick auf die Kappen. Die starke Überbusung in der Erweiterung des Südschiffs ist ein sicheres Merkmal für die Spätgotik.


Auf den ersten Blick scheint um 1500 zudem ein großer neuer Chor errichtet worden sein. Es ist jedoch nur die nach Süden erfolgte Verlängerung des romanischen Chores. Dessen Chorinnenraum wurde nicht vergrößert, sondern blieb in seinen Dimensionen erhalten. Die Bauabläufe sind bisher im Detail noch nicht erforscht. Zwei verschiedene Zeichnungen zeigen Mitte des 19. Jahrhunderts, trotz verschiedener Ungenauigkeiten, übereinstimmend einen kleinen Absatz zwischen den Dachflächen. Im 19. Jahrhundert wurde der Anbau wieder abgebrochen.


Der Turm von St. Andreas gehört zu den romanischen Fluchttürmen, von denen in der Region noch einige erhalten sind. Vor der Errichtung der massiven Stadtbefestigung waren die Kirchengebäude nicht nur Fluchträume, in die sich die Bevölkerung bei Gefahr zurück ziehen konnte, oft waren sie auch die einzigen steinernen Gebäude der entstehenden Siedlungen.
Da die Dachkonstruktion nach der Überdachung aller drei Schiffe erheblich höher saß, musste der romanische Turm um mehrere Meter aufgestockt werden. Möglicherweise wurde mit der deutlichen Vergrößerung des Turmes auch ein neues Geläut benötigt. Die älteste Glocke der Kirche, die Marienglocke, stammt aus dem Jahr 1508.


Neben dem ebenerdigen Westeingang befand sich in etwa 6 m Höhe in der Südwand des Turmes zweiter Zugang. Dessen später vermauerte Öffnung ist noch gut zu erkennen. Drei Öffnungen, in die Tragbalken der außen davor liegenden Plattform eingesetzt waren, sind deutlich größer als die Löcher der Gerüsthölzer. Dieser hoch liegende Eingang war nur über einen hölzernen Aufgang zu erreichen, dessen weitere Spuren vermutlich beim Anbau des Südschiffes vernichtet wurden. Es gibt mehrere Belege für ähnliche Zugänge an anderen Kirchen. Es gab auch Vermutungen, dass diese Öffnung ein exklusiver Zugang zu einem besonderen Raum sein könnte, zur „bischöfliche Kapelle“ im ersten Turmgeschoss. Die bisherigen Ableitungen sind allerdings nicht schlüssig. Sollte dieser Raum tatsächlich eine besondere Bedeutung gehabt haben, gibt es keinen schriftlichen und baulichen Hinweis darauf. Der erhöhte Zugang von der Südseite des Turmes ist sicher kein Beleg für einen solchen Raum. Es gibt viele Beispiele solcher Zugänge in Fluchträume. Hölzerne Aufgänge konnten bei Gefahr rasch abgebrochen werden.


Die Bischofskapelle. Die Ausstattung ist nicht nur karg, sondern vollkommen ohne Zier. Wie alle Tür- und Fenstergewände des Turmes, sind die des betreffenden Raumes aus einfachen, quadratischen Blöcken gesetzt. Reine Zweckarchitektur. Kein sauber gearbeiteter Boden, den erhaltenen Platten sind sicher noch die ursprünglichen. Der Raum ist ohne Lichtöffnung. Der schwache Dämmerschein, der durch zwei kleine Öffnungen aus der dunklen Saalkirche hereindrang, reichte bei weitem nicht aus. Zwingend war zusätzliche Beleuchtung nötig. Kreuzgratgewölbe und Wände waren nie verputzt, natürlich gab es so auch keine Ausmalung. Kein Kamin erwärmte das kalte Gemäuer, wie sich insgesamt kein Ruß, kein Abzug findet. Es ist ein kalter, dunkler, unwirtlicher Ort, von dem es außerdem unmöglich war, dem in über 40 m Entfernung abgehaltenen Gottesdienst zu folgen, bei dem der Bischof  bei Anwesenheit selbstverständlich eine wichtige, repräsentative Rolle gespielt hätte! Es gibt viele Fragen. Ist der Raum später umgewidmet worden? Wann, von wem, wie lange und warum?
Möglicherweise war der Raum tatsächlich als Rückzugs-, als Beratungsraum gedacht. Eine Bestimmung als bischöfliche Kapelle scheint eher unwahrscheinlich.


Die Bewertung der Sockelprofile, der Fenster und der Gewölbe ergab auf allen drei Ebenen vollkommen identische Aussagen. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhundert wurde eine große Saalkirche mit Querschiff errichtet. Wahrscheinlich gab es bereits Ende der 13. Jahrhunderts erste Planungen und Baumaßnahmen, um die Saalkirche zur Hallenkirche im gebundenen System zu erweitern. Wie weit dieser Bau fertig gestellt wurde, ist nicht bekannt.
Vermutlich wurde die erneute Umplanung durch den sich gerade durchsetzenden Typ Hallenkirchen mit gleicher Schiffbreite motiviert. Bis Mitte des 14. Jahrhundert wurde die romanische  Saalkirche um drei Nordjoche erweitert. Es war eine beachtliche Leistung, die mehrere Jahre in Anspruch nahm. Aus Außenwänden wurden Säulen modelliert. Gewölbe mussten abgefangen werden, um neue Scheid- und Gurtbögen einziehen zu können. Stilistisch ist diese Phase der Hochgotik zu zuordnen. Möglicherweise war es die Pest, die verhinderte, dass die geplante Vergrößerung zur dreischiffigen Hallenkirche in einem Zug durch geführt werden konnte.
Die Vollendung blieb späteren Generationen vorbehalten. Um 1500 erfolgte die Erweiterung nach Süden. Zudem wurden die beiden romanischen Fenster des Querhauses und das Ostfenster des Chores aufgebrochen und durch größere ersetzt. Diese Phase ist der Spätgotik zu zuordnen.
Diese erste intensivere Untersuchung hat keinen Anspruch auf  Vollständigkeit. Es gibt eine Reihe weiterer Forschungsansätze, die für die weitere Aufhellung der Baugeschichte wichtig sind.


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