Der geheimnisvolle Keller zurück zur Übersicht
 
 
In der Radewiger Straße steht ein Renaissancegebäude, das oft und falsch als ehemalige Pilgerherberge bezeichnet wird. Das Pilgerwesen in Herford fand schon gegen 1530 sein Ende. Das Fürstenauhaus, um das es sich handelt, wurde erst über hundert Jahre später, nach dem großen Stadtbrand von 1638 erbaut. Errichtet wurde es von Anton Fürstenau auf den Grundmauern des abgebrannten Vorgängers. Dieses ältere Gebäude war die Herberge für Pilger auf dem Wege nach Santiago de Compostela.

Einige wenige Reste des Vorgängers haben sich erhalten, Kelleranlagen, nach hinten zum sorgfältig restaurierten, romantischen Innenhof gelegen. Hinter Gesträuch verborgen sind hier deren Fensteröffnungen nur zu erahnen.

Im vorderen Teil des Kellers, zur Radewiger Straße hin, sind noch heute die Spuren der Brandkatastrophe sichtbar. Abbruchkanten der eingestürzten Gewölbebögen stoßen stumpf in den Raum. Beim Wiederaufbau wurden hier Lehmdecken eingezogen. Sandsteine brannten aus und erhielten den typischen Rotstich.

Zwei Gewölbe haben den Brand jedoch nahezu unbeschädigt überstanden und sind original erhalten. Sie gehören zu den ältesten erhaltenen Bauteilen der Stadt und sind so etwas wie das Ungeheuer von Loch Ness der Baugeschichte.
Fragen Sie mal einen Bauhistoriker, ob er schon ein Fränkisches Gewölbe gesehen hat. Möglicherweise hat er davon gehört, aber gesehen? Man sieht nur was man kennt.
Was also ist dieses Fränkische Gewölbe, mit dem hauptsächlich Kellerräume erbaut wurden?

Das besondere ist die Konstruktionsweise. Der Bogen des Tonnengewölbes wurde hier nicht auf hölzernen Lehren, sondern über einen Erdhaufen errichtet. Dazu wurden erst die senkrechten Mauern ins Erdreich gesetzt.

Danach formte man aus Erde einen Haufen, der die Form des zukünftigen Gewölbes vorgab. Das Material wurde gestampft und mit Brettern in die gewünschte Form gezogen.

Darauf wurden nun sorgfältig die Steine geschichtet. Als Material wurde alles verwand was gerade greifbar war. Auch Rhät vom Stuckenberg. Zum Abschluss wurde ein Sand-Kalkbrei über die Steine gegossen, der alle noch vorhanden Hohlräume verfüllte.

Danach wird die Erde ausgegraben, fertig ist der Keller! Diese Konstruktionsweise hatte eine Menge Vorteile. So benötigte man keinen hölzernen Lehrbogen, der nur von Fachleuten gezimmert werden konnte und zusätzliche Kosten für das Schalholz verursachte. Auch Laien mit groben Kenntnissen konnten diese Gewölbe herstellen. Zudem war es ohne weiteres möglich Form und Verlauf des Gewölbes zu verändern. Problemlos lassen sich so beispielsweise Tonnengewölbe mit Kurven einwölben.

Dass es sich hier um einen besonderen Keller handelt, sieht man an den Bodensteinen, die aufwändig zu Mustern verlegt wurden.

Die beiden Keller werden seit vielen hundert Jahren benutzt. Wie alt die Gewölbe tatsächlich sind, wird man wohl nie erfahren. Vermutlich wurden sie irgendwann im 13. Jahrhundert geschaffen, als die Pilgerbewegung so richtig Fahrt aufnahm.
Eins ist jedoch sicher, auch in Herford ist Loch Ness.
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