Das Herforder Steintor zurück zur Übersicht
 
 
Die "Westfalia Picta" sind wahrhaft tolle Bände. Im Band VII wurden in einer unglaublichen Fleißarbeit alle bekannten Ortsansichten der Stadt Bielefeld und der Kreise Gütersloh, Herford und Minden-Lübbecke beschrieben und zum größten Teil abgebildet.

Auf Seite 153 wird dieses Bild wie folgt beschrieben:
Unter malerischen Gesichtspunkten dürfte Wilhelm Schuch diesen Standort vor der Steintorbrücke gewählt haben, der die Stadt als Idylle zeigt, unberührt von den Veränderungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Nur der auffällige Neubau des Kreis-Krankenhauses verweist auf die späte Entstehungszeit. Unübersehbar ist die Qualität der Zeichnung: das Gespür für kompositorische Akzente in einer vorgegebenen, wenig spektakulären Topographie, die sorgfältige Ausarbeitung und die geschickte Nuancierung. Wilhelm Schuch fertigte das Blatt als Illustrationsvorlage für "Das malerische und romantische Westphalen" in der zweiten Auflage.


Diese Ansicht gibt es jedoch auf einem anderen Blatt noch einmal.
Die ähnliche Abbildung wird in der Westfalia Picta nicht abgebildet, sondern nur beschrieben.
Hier nun die Kopie des Stahlstiches und der dazugehörende Text.

Exakte Kopie nach Wilhelm Schuchs Stahlstich von 1872. Lediglich im Vordergrund ist der Holzschuppen durch Strauchwerk und zwei, den Graben verdeckende Bäume versetzt.


Vor kurzem tauchte folgende Fotographie auf.
Auf der Rückseite befindet sich folgender handschriftliche Vermerk:
Blick von der Bahnhofstraße. Links das 1858 eingeweihte Krankenhaus, dann das 1864 erbaute Amtsgericht auf der Freiheit. Der noch schmale Wall. Rechts die 1808 in Stein erbaute Steintorbrücke.
Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass Schuch diese Fotographie als Vorlage für seine Zeichnung nahm. "Das Gespür für kompositorische Akzente in einer vorgegebenen, wenig spektakulären Topographie..." erweist sich als Zufallsprodukt. Bis auf die vier Personen rechts im Vordergrund wurde die Vorlage der Fotographie exakt übernommen.

Durch die lange Belichtungszeit blieben sich bewegende Objekte meist unsichtbar. Betrachtet man das Foto genauer, kann man schemenhaft vor der offenen Tür im Zaun den Umriss eines Mannes erkennen. Die Figurengruppe am Ende der Brücke, das zum Bleichen auf dem Wall ausgelegte Leinen, sogar der Eimer und die Schaufel am Zaun im Vordergrund, alles findet sich im Foto wieder.

Bis ins Detail hat Schuch die Fotovorlage kopiert. Besonders auffällig ist das im unteren Bereich. Selbst Einzelheiten wie schiefe Zaunslatten und zufällig herumliegende Schaufeln wurden von ihm übernommen.

Weniger Phantasie als Zufall spielte bei der Komposition eine Rolle.

Das Foto wurde aus Bahnhofshotel, auch bekannt als Rorig's Hotel, aufgenommen. Das 1847 erbaute Gebäude wurde bereits 1915 wieder abgebrochen. Zwischen 1914/16 wurde die heutige Unterführung unter den bestehenden Gleisanlagen geschaffen. Dazu musste die Straße mehr als 5 Meter tiefer gelegt und das Hotel abgebrochen werden. Rorigs Hotel befand sich an der Nordseite des Parkhaus Radewig.
Vermutlich fotografierte Schuch selbst die Situation und machte zusätzlich Skizzen von Personen, die er später in das Bild hineindrapierte. Durch die Datierung des Stiches lässt sich auch das Alter der Fotographie bestimmen, mit fast 140 Jahren ist sie eine der ältesten mit einem Motiv der Stadt Herford.

Der Bereich am Steintor wurde von 1957 an vollkommen verändert. Von hier aus wurde eine neue Verkehrstrasse quer durch die Stadt gebrochen.
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