| Das Radewiger Wehr |
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Stand: November 2008 |
Im Mai 2006 beschlossen die Politiker der Stadt Herford mit großer Mehrheit die Absenkung des Wehrs an der alten Radewiger Mühle.
Die wichtigste Frage vor der Entscheidung war: Welche Auswirkungen hat die zu erwartende Grundwasserabsenkung auf die Bausubstanz in dem betroffenen Bereich?
An dieser Stelle geht es nicht um Bäume, Wasserqualität und Trittsteine. Hier wird nur eine Frage untersucht: Basiert das hydrogeologische Gutachten auf der richtigen Grundannahme? Wurde der Anstau am Radewiger Wehr 1933 tatsächlich um 1,34 Meter angehoben?
Diese Annahme war die Grundlage der Untersuchung für das hydrogeologische Gutachten von Schmidt und Partner und folglich auch Grundlage der später folgenden politischen Entscheidung.
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Zitat aus dem Gutachten:
"Auf Grund der detaillierten Recherche unter entsprechender Einbeziehung der historischen und tiefen Aa-Wasserstände vor 1933 konnten hiervon 231 Stck. Gebäude als nicht betroffen klassifiziert und von der weiteren Untersuchung ausgenommen werden. Lediglich bei 8 Stck. Gebäuden wurde zur Einschätzung der Empfindlichkeit gegenüber einer wiederholten Grundwasserabsenkung auf 62,50 mNN an der Staulage eine detaillierte Baugrunduntersuchung erforderlich."
"Auf Grund der detaillierten Recherche" hatte Schmidt folgendes heraus bekommen: Beim Neubau der Staustufe am Radewiger Wehr im Sommer 1933 wurde das Stauwerk um 1,34 m zusätzlich erhöht. Nach der jetzt geplanten Teilabsenkung würde lediglich der alte Wasserstand von vor 1933 wieder hergestellt. Dadurch seien nur Gebäude betroffen, die zwischen 1933 und 2008 errichtet wurden. Alle anderen Gebäude wären in dem historisch tiefen Grundwasserstand errichtet worden.
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Mehrere Dokumente belegen jedoch, dass beim Neubau der Staustufe am Radewiger Wehr im Sommer 1933 das Wehr nicht angestaut, sondern um 0,60 m abgesenkt wurde!
Nach der jetzt geplanten Teilabsenkung würde der historische Wasserstand tatsächlich um weitere 1,34 m auf insgesamt 1,94 m abgesenkt.
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Grundlage des Gutachtens ist dieses Foto. Der Wasserstand oberhalb des Wehres ist nicht sichtbar. Ein Erklärungsversuch, wie durch das Foto die Stauhöhe des Wehres errechnet werden kann, erfolgte erst auf Nachfrage. Da es sich um eine mittelschlächtige Mühle handelt, könne die Staustufe auf 1,90 m berechnet werden.
Rechnen wir nach. Das Wasserrad wird allgemein auf 5 m im Durchmesser geschätzt. Zum Radius des Rades von 2,50 m, dem Wasseraufschlag an der Mitte des Rades, müssen noch 60 cm dazu gerechnet werden, weil das Rad höher steht und nach unten frei durch schwingt. Es steht etwa 60 cm über dem Wasserspiegel. Die Nabe, die Mitte des Rades, liegt demnach mehr als 3 m über dem Fachbaum. Das Wehr muss also mindestens 3 m hoch sein. Deshalb kann die Berechnung des Gutachters nicht richtig sein.
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Im Archiv befinden sich eine Reihe von Unterlagen, die beweisen, dass der Anstau nicht erhöht wurde. So klagt im Mai 1901 der Mühlenbesitzer Huth gegen den Gärtnereibesitzer Breder und Genossen. Durch die Erhöhung des Anstaus um 10 cm (!) sahen sie ihre oberhalb des Wehres liegenden Besitzungen gefährdet. Huth versucht sich gegen diese Anschuldigung zu wehren.
In diesem Zusammenhang wird auch die Höhe des Wehres ausgemessen.
24. Mai 1901 Rechtsanwalt Dr. Baumert an den Kreis-Ausschuss Herford:
"Danach ist nämlich beim Bau der Räder von einem nutzbaren Gefälle von 3,35 m bis zum Unterwasserspiegel, dessen Höhe feststeht, ausgegangen worden. Vom Unterwasserspiegel bis zum Steinplattenbelag sind aber nur 3,25 m."
Die Stauhöhe 1901 betrug demnach 3,25 m, wie das spätere Urteil bestätigt. Laut Gutachten müsste die Stauhöhe auf diesem Bild 1,34 m niedriger sein als heute und etwa bei 1,91 m liegen.
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Im Dezember 2001 entwirft Sönnichsen für das Staatliche Umweltamt Minden den Hochwasser-Aktionsplan Werre. Darin ist auch ein Foto des Herforder Hochwassers von 1927 zu finden.
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Laut Sönnichsen soll drei Jahre nach dem Hochwasser von 1927 der Fachbaum um 1,34 m erhöht worden sein. Für einen Hochwasserexperten eine nahezu absurde Behauptung.
Betreibt Sönnichsen doch gerade aus Hochwasserschutzgründen den Abbruch der Anlage.
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Wie hätte sich die Erhöhung des Wasserspiegels oberhalb des Wehres auswirken müssen?
Das Hochwasser von 1927 setzte die direkt an der Aa gelegene Gärtnerei Breder vollkommen unter Wasser. Der finanzielle Schaden war enorm.Hätte die Stadt das Radewiger Wehr sechs Jahre später um 1,34 m erhöht, wäre dieser Anblick Dauerzustand in den Aawiesen geworden!
Man stelle sich dann zusätzlich ein Hochwasser vor. Vollkommen undenkbar.
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Die erste Frage hätte sein müssen: Weshalb wurde das Wehr umgebaut?
In der Antwort liegt die Überraschung: Es waren Hochwasserschutzmaßahmen!
Zwischen 1925 und 1932 kam es zu mehreren verheerenden Hochwassern, die in Herford Schäden in Millionenhöhe anrichteten.
Diese Katastrophen waren der Auslöser für die dann seit dem 30. September 1927 geplanten Hochwasserschutzmaßnahmen. Am 12. Januar 1931 beschloss Magistrat und Baukommission Wehr und Kolk an der Aa umzubauen.
Über den Inhalt der Ratsvorlage berichtet das Herforder Kreisblatt:
"Der vorliegende Entwurf für den Umbau des Wehres sieht vor, dass die alte Anlage vollkommen abgebrochen wird. (...) Die Durchflussbreite, die jetzt 5,5 Mtr. beträgt, soll auf
9 Mtr. gebracht und der Fachbaum* um 60 cm gesenkt werden."
Herforder Kreisblatt, 08.12.1932
* Der Fachbaum ist derjenige Balken, welcher unmittelbar vor dem Gerinne liegt, und die Höhe des künstlichen Mühlengefälles bestimmt.
Am 9. Dezember 1932 wurde die Vorlage des Magistrats von den Stadtverordneten angenommen. Die Herforder Stadtverordneten beschlossen die Regulierung der Aa im Stadtgebiet.
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Aus Hochwasserschutzgründen sollte das Wehr nicht um 1,34 m erhöht, sondern um 0,60 m abgesenkt werden!
Im Sommer 1933 begannen die Arbeiten zum Bauabschnitt III, die bis November dauerten. Der Flusslauf wurde gefasst, begradigt und dadurch von 6,3 km auf 5 km verkürzt.
Nach der geplanten Teilabsenkung würde der Wasserstand nicht angeglichen, sondern gegenüber dem Stand von 1933 um 1,94 m sinken! Die Auswirkungen wären katastrophal.
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Alle relevanten Fotos belegen, dass der Wasserstand beim Umbau des Wehres nicht erhöht wurde. Obwohl die Gebäude umgebaut wurden, ist die historische Situation noch gut zu erkennen.
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Die kleine Wasserschwelle zeigt heute den ehemaligen Standort des Wehres, das vier Meter zurück versetzt wurde. Auch der Knick in der Firstlinie und die noch erhaltenen vier Fenster helfen bei der Zuordnung.
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Schmidt und Sönnichsen behaupten, das historische Wehr sei lediglich 1,91 m hoch gewesen. Kaum zu glauben, wenn man die historische Aufnahme sieht. Tatsächlich sind es 3,25 m.
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Noch deutlicher wird die Situation bei diesem Vergleich. Oberhalb der Staustufe Richtung Herthabrücke ist die Uferbefestigung als Mauer ausgebildet. Neben dem Pavillon liegt eine Bootsanlegestelle. Fünf Stufen führen nach oben, rechts an der Wand befindet sich ein Ring, an dem Boote festgebunden werden konnten.
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Die Situation heute. An Stelle der Weide steht jetzt ein Haus. Direkt auf die alten Stufen wurden neue Steine geklebt, so dass nur noch vier Stufen vorhanden sind. Der Ring jedoch befindet sich noch am alten Platz. Laut Schmidt und Sönnichsen müsste der Bereich unter Wasser stehen. Die Differenz zwischen Fensterbank und Wasserspiegel ist nahezu identisch.
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Ein besonders sensibler Bereich ist die Fläche oberhalb der Stadtgrenze. Hätte man das Wehr 1933 erhöht, wäre dieses Areal sofort überflutet worden.
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Das Foto von 1891 macht deutlich, wie gefährdet besonders der Bereich an der links verlaufenden Bielefelder Straße ist. Das Hochwasser hat große Mengen Eisschollen zurückgelassen. Gerade der mit Hochwasser verbundene Eisgang war besonders gefürchtet.
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Bei der Planung wurde auch das Wehr zum Deichtorwall verändert. Vorher befand sich hier ein festes Überfallwehr. Wie die Pläne zeigen, wurde ein bewegliches Schützenwehr eingebaut. Auch hier wurde die Höhe des Fachbaumes abgesenkt, um 70 cm.
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Betrachtet man die mittelalterlichen Verteidigungsanlagen wird deutlich, welche Bedeutung das Wasser schon bei deren Planung erhielt.
Vor der Stadtmauer Herfords wurde der Stadtgraben ausgehoben, der aus der Werre und der Aa gespeist wurde.
Von der Abtrennung des Stadtgrabens von der Aa, bis beide Wasserläufe wieder zusammen fließen, ist der Weg des Wassers um die Radewig doppelt so lang wie der Weg direkt durch die Stadt. Dadurch würde sich die Fließgeschwindigkeit vor der Stadtmauer halbieren.
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Durch den Anstau wurde sie wieder erhöht, auch um das Zuwachsen des Flussbetts zu verhindern. Im Verteidigungsfall bestand zusätzlich die Möglichkeit, mit dem Durchbruch des Anstaus an der Aa, den Wasserstand vor der Stadtmauer deutlich zu erhöhen.
Auch hätte der Stadtgraben erheblich tiefer ausgehoben werden müssen, um nicht bei Niedrigwasser trocken zu fallen. Dazu hätte bereits das Absinken des Aa-Wasserspiegels um etwa 30 cm ausgereicht.
Vermutlich wird der Wasserstand oberhalb der Staustufe nicht durch den Umstand bestimmt, dass hier eine Mühle betrieben wurde.
Das Wasser ist Bestandteil des mittelalterlichen Verteidigungskonzeptes von Herford. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass das Stauwerk bereits Mitte des 13. Jahrhunderts fertig gestellt war. Alle Gebäude der Radewig sind demnach in dem angestauten Grundwasserspiegel errichtet worden. Die Grundwasserabsenkung betrifft alle Gebäude in den setzungsrelevanten Schichten.
Das Gutachten ist wertlos.
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