Geschichte der Ansichtskarte zurück zur Übersicht
 

Eine Einführung von Mathias Polster
   

Generalpostmeister Heinrich von Stephan.

Die Frage nach dem Erfinder der Postkarte ist schwierig zu beantworten. Im Allgemeinen gilt der Deutsche Postrat Generalpostmeister Heinrich von Stephan als Initiator.

Mit Wirkung vom 1. Juli 1870 führte er seine Idee unter der Bezeichnung "Korrespondenzkarte" ein . Als am 9. Juli 1870 der Deutsch-französische Krieg ausbricht, bewährt sich das gerade geschaffene Medium; als Feldpostkarte wurde sie millionenfach kostenlos zwischen Front und Heimat befördert. In den ersten 2 Monaten nach ihrer Einführung wurden schon 2 Millionen Karten verkauft. In den folgenden Jahren führen die meisten anderen Staaten ebenfalls die Postkarte ein.

Allein im Jahre 1899 wurden in Deutschland 88 Millionen Ansichtskarten produziert. 1900 hatte z.B. eine Fabrik in Frankfurt a. M. 1200 Angestellte, an jedem Tag wurden bis zu hundert neue Motive produziert. Im Spitzenjahr 1903/1904 liefen allen in Deutschland 1,16 Milliarden (!) Ansichtskarten.

Heinrich von Stephan

Ansichtskartenrückseite von 1897.

Bis 1905 durfte auf der Vorderseite nur die Anschrift stehen, so dass eigentlich kein Platz für Mitteilungen war. Es konnte nur die Bildseite beschrieben werden. Auf vielen Karten aus dieser Zeit wurde deshalb von den Druckern ein schmaler Streifen oder in einer Ecke Platz für "Tausend Grüße und Küsse" frei gelassen. Aus dieser Zeit stammen auch die meisten "Gruß aus …"- Karten, die heute – wie damals – sehr beliebt sind.

Erst 1905 wird die geteilte Rückseite, für Mitteilungen an den Empfänger, von der Postverwaltung zugelassen. Dies ist heute ein wichtiges Merkmal, um die Herstellungszeit einer Postkarte zu bestimmen.

Zwischen 1919 und 1939 gerät wegen der schlechten Druckqualitäten, den wirtschaftlichen Problemen in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg und nicht zuletzt dem Aufkommen anderer Kommunikationsformen (Telefon) das Sammeln nach und nach in Vergessenheit. In einigen Ländern wurde zudem das Porto verdoppelt, so dass das Interesse an diesem Sammelgebiet verständlicherweise rasch nachließ.

Ab 1940 wird die Ansichtkarte langsam als Sammelgebiet wieder entdeckt.

Ansichtskartenrückseite von 1897.

Mehrbildkarte von H. Wolff (Herford), von 1895.

Ein großer Teil der ersten Herforder Ansichtskarten wurden nicht nur in Herford gedruckt, auch die Ansichten wurden von den einheimischen Händlern selbst aufgenommen.

Die ersten Karten, die zwischen 1869 und 1895 hergestellt wurden, werden Vorläufer genannt. In teuren Lichtdruckverfahren hergestellt lässt ihre Ansichtsseite bereits etwas Raum für Mitteilungen.

Mehrbildkarte von H. Wolff (Herford), von 1895.

 

Farbvorlage für eine Ansichtskarte der HerforderJohanniskirche. (Quelle Landeskirchenarchiv Bielefeld)

Von 1895 bis 1914 beherrschen Lithographien den Ansichtskartenmarkt. Lithographische Schnellpressen macht die Herstellung ab jetzt preiswert. Schwarz-weiß Aufnahmen wurden teilweise täuschend coloriert.

Farbvorlage für eine Ansichtskarte der Herforder Johanniskirche.

 

Blick über die Radewiger Feldmark, Aufnahme von M. Menckhoff (Herford), 1898. Neben den Kunst-, Kitsch-, Weihnachts- oder Glückwunschpostkarten entwickelt sich insbesondere ein Markt für die topographischen Karten.

 Blick über die Radewiger Feldmark, Aufnahme von M. Menckhoff (Herford), 1898.

Herforder Münster, Aufnahme von H. Wolff (Herford), 1898.

Anfangs sind es meist Mehrbildkarten. Bald folgen Stadtpanoramen, Straßenansichten und einzelne Gebäude. Dutzendfach werden Motive der Herforder Sehenswürdigkeiten in die Welt verschickt. Bald gehört es zum guten Stil besserer Kreise Ansichtskarten vom eigenen Haus zu versenden.

Herforder Münster, Aufnahme von H. Wolff (Herford), 1898.

Zeppelinüberfahrt 1912, Aufnahme H. Titgemeyer (Herford).

Auch besondere regionale Ereignisse, wie die Industrieausstellung 1910 oder die Zeppelinüberfahrt wurden sofort thematisiert.

Zeppelinüberfahrt 1912, Aufnahme H. Tidgemeyer (Herford).

Buchdruckerei und Prägeanstalt Titgemeyer

Der Drucker und Buchbindermeister Heinrich Titgemeyer erwarb um die Wende zum 20. Jahrhundert eine Plattenkamera. Von seinen Aufnahmen stellte er in der eigenen Druckerei Ansichtskarten her, die er in seinem Geschäft Neuer Markt 7 verkaufte. Ein Großteil der ersten Fotos Herfords, mittlerweile von hohem dokumentarischem Wert, haben wir ihm zu verdanken

Es ist die Zeit der kurzen Wege. Als der Zeppelin Herford überflog, flitzte Titgemeyer mit seiner Plattenkamera auf das Dach. Nachdem die Aufnahme entwickelt war, wurden die Karten sofort im eigenen Verlag gedruckt und im eigenen Geschäft am Neuen Markt angeboten.

Buchdruckerei und Prägeanstalt Titgemeyer

Wittekinddenkmal um 1910.

Ob Schwarz-Weiß, Bunt, Silber- oder Prägedruck- alles kommt millionenfach auf den Markt. Eines der beliebtesten Herforder Motive, das Wittekind-Denkmal, wird beispielsweise praktisch von jeder Seite, in jeder Technik, mit und ohne Text, unzählige Male gedruckt. Allein in meiner Sammlung befinden sich über 40 verschiedenen Karten. Ständig tauchen noch heute neue Ansichtskarten des Wittekinddenkmals aus den verschiedenen Zeiten auf.

Wittekinddenkmal um 1910.

Ansichtskarte Hochzeitsaufnahme Otto Weddigen mit Gattin (1914)

Im 1.Weltkrieg beherrschen Feldpostkarten als das Kommunikationsmedium schlechthin, im wahrsten Sinne des Wortes, das Bild. Propagandakarten verharmlosten den Krieg und verklärten den millionenfachen Tod zum Heldentum. Besonders beliebte Motive waren Kriegshelden. So wurden auch Karten mit verschiedenen Motiven von Otto Weddigen in großen Mengen hergestellt (Stadtschreiber Weddigen-Heldenbilder). Viele dieser Karten appellierten an die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung.

Ansichtskarte Hochzeitsaufnahme Otto Weddigen mit Gattin (1914)

Ansichtskarte Rathaus Herford (1917)

In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg und während der Inflation werden Ansichtskarten meist auf billigem, leicht braunstichigem Papier gedruckt. Zusätzlich kommen großen Mengen billiger Kupferdruckkarten auf den Markt. Diese Aufnahme entstand unmittelbar nach der Fertigstellung des neuen Rathauses und wurde gleichzeitig Motiv für die ersten Notgeldscheine der Stadt.

Ansichtskarte Rathaus Herford (1917)

Künstlerkarte Remensnider-Haus um 1925

Dazwischen finden sich jedoch immer wieder wunderbare Besonderheiten. Exklusive Künstlerkarten auf Büttenpapier bereichern das Angebot.

Künstlerkarte Remensnider-Haus um 1925

Steindruck Crüwell-Haus (1931)

Eine Serie hervorragender Steindrucke mit Herforder Motiven Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhundert zeigt Möglichkeiten, auch mit einem Massenprodukt hohe künstlerische Ansprüche umzusetzen.

Steindruck Crüwell-Haus (1931)

Ansichtskarte Neuer Markt (1930)

Da Ansichtskarten populäre Motive in recht kurzen Abständen dokumentieren, lassen sich über sie sehr Veränderungen im Stadtbild beobachten. Anfang der 20er Jahre tauchen im Straßenbild immer mehr Kraftfahrzeuge auf. In den 30er Jahren entsteht auf dem Neuen Markt der erste Parkplatz.

 Ansichtskarte Neuer Markt (1930)

Ansichtskarte Neuer Markt (1963)

Ab den 1960er Jahren wird die heutige Qualität der Fotoansichtskarte Standart.

Gleichzeitig setzt sich die Großformatkarte durch, die allerdings schon seit den 30ern bekannt war.

Ansichtskarte Neuer Markt (1963)

Mehrbildkarte um 1970

Ansichtskarten mit Abbildungen der Autobahn, der Berliner Straße oder von neuen Stadtteilen zeigen die veränderte Themenwahl. Herford repräsentiert sich als moderne Stadt.


 Mehrbildkarte um 1970

Mehrbildkarte 2005

In den letzten Jahren dominieren kunterbunte Mehrbildkarten, die mehr und mehr nicht nur vom schlechten Geschmack der Ansichtskartenhersteller zeugen. Schnell, bunt, oberflächlich. Quietschbunte, zusammengestückelte Massenware. Lustig werden sie nur als Fehldruck, wenn Denkmäler falsch benannt werden, man Flüsse aus anderen Orten nach Herford verlegt oder aus dem Alten der Neue Markt wird. Und das alles auf einer Karte.

Mehrbildkarte 2005

Ansichtkarte Münsterkirchplatz (1930)

Besondert kurios sind Fotos, die durch Retuschen (49- 1930 auf den neuesten Stand gebracht werden. Das 1927 eingeweihte Kriegsehrenmal ( Hinkeldey) wurde bereits 1940 eingeschmolzen.

Ansichtkarte Münsterkirchplatz (1930)

Ansichtskarte Münsterkirchplatz (1930, 1950 verschickt)

Nach dem Krieg wurden die alten Klischees weiterbenutz. Kleine Veränderungen wurden weg retuschiert und so verschwindet beispielsweise wie von Geisterhand das eingeschmolzene Denkmal. Diese Art von Korrektur wurde auch auf anderen Ansichtkarten der Stadt vorgenommen.

Ansichtskarte Münsterkirchplatz (1930, 1950 verschickt)

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